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veröffentlicht am Donnerstag, 11.06.2015

Interview Wiler Nachrichten: Bei den SBB hilft nur Druck


Die SBB führt bis 2018 zwei neue Schnellzüge von St. Gallen nach Zürich ein – ohne Halt in Wil 

Seit einer Woche ist der Wiler Erwin Böhi (SVP) Mitglied des Stadtparlaments Wil. Im Kantonsrat sitzt er schon seit 2004. Die Pläne der SBB fördern seiner Meinung nach die Standortattraktivität von St. Gallen und schwächen jene von Wil. Der SVP-Kantonsrat und frischgebackene Stadtparlamentarier Erwin Böhi spricht sich gegen die Pläne der SBB aus.

 

Herr Erwin Böhi, die SBB will mit dem Fahrplanwechsel im Dezember den ersten «Sprinter» einführen. Zwei davon sollen pro Stunde von St. Gallen nach Zürich fahren – in unter 60 Minuten. Ab 2018 werden es gar vier pro Stunde sein. In Wil, Uzwil oder Flawil werden sie nicht halten. Ist das fair?

«Grundsätzlich ist es ja immer gut, wenn eine neue Verbindung eingeführt wird. Normalerweise bekommt eine Gemeinde, die durch den Wechsel etwas verliert, auch etwas im Gegenzug. Laut der SBB sind das für Wil die zusätzlichen freien Sitze in den verbleibenden Zügen. Sie gehen davon aus, dass in den Zügen wegen der vielen Pendler, die den neuen Sprinter nehmen, viel mehr Platz frei sein wird. Aber natürlich ist das nur eine scheinheilige politische Erklärung. Es geht um etwas anderes.»

Worum denn?

«Die neuen Sprinter sollen ganz klar die Standortattraktivität von St. Gallen fördern. Die 60-Minuten- Grenze ist psychologisch entscheidend für die Pendler.»

Die Attraktivität von Wil wird im Gegenzug aber abnehmen. Auch weil ja zwei Pendlerzüge (7.11 Uhr ab Wil Richtung Zürich und 16.37 Uhr ab Zürich bis Wil) wegfallen.

«Definitiv. Und dieser Wegfall ist eindeutig ein Abbau. Das kann nicht mit dem Argument der freien Plätze wegdiskutiert werden.»

Es geht ja hier nicht nur um die Gemeinde Wil, sondern auch um die umliegenden. Darf man Wil als Halt einfach so ignorieren?

«Meiner Meinung nach nicht. Aber in meiner Zeit im Kantonsrat habe ich eines gelernt: Bei der SBB bekommt man nichts ohne politischen Druck. Das hat man ja auch beim Engagement von Flawils Gemeindepräsident Elmar Metzger gesehen. Unter seinem Lead haben sich die Gemeinden gegen den ersten geplanten Abbau auf die Hinterbeine gestellt und hatten Erfolg.»

Trotzdem verliert man jetzt aber einen Pendlerzug. Hätte die kommunale Politik früher reagieren müssen – hätten sie sich vielleicht zusammenschliessen sollen?

«Es ist eigentlich erstaunlich, dass das nicht passiert ist. Allerdings muss ich zugeben, dass ich und wohl auch die anderen Wiler Kantonsräte etwas von den Plänen der SBB überrumpelt worden sind. Irgendwie scheint es, als wäre das Ganze an der kommunalen Politik vorbeigegangen.»

Die SBB sagt, dass der Sprinter nicht unter einer Stunde in Zürich wäre, wenn er in Wil halten würde. Wäre so ein Halt wirklich unmöglich?

«Unmöglich ist es nicht. Laut einer Studie des Planungsbüros Jud AG wäre es technisch machbar. Man müsste wohl aber auf einen Halt am Flughafen verzichten.»

Könnte man die verlorene Zeit in Wil nicht einfach auf der Strecke aufholen?

«So einfach ist das leider nicht. Es handelt sich hier ja nicht um eine Hochgeschwindigkeitsstrecke. Die Neigezüge fahren zwar nicht am Limit, können aber auch nicht schneller fahren, da sie eine Pufferzeit einplanen. Droht dann ein Zug zu spät zu kommen, kann er etwas beschleunigen.»

Bis zum nächsten Sonntag, 14. Juni, läuft noch eine sogenannte Vernehmlassung der SBB. Glauben Sie, dass die Pläne der SBB noch beeinflusst werden können?

Kaum. Diese Vernehmlassung hat wohl eher PR-Charakter. Die Anpassungen in diesem Jahr werden sicher kommen. Aber vielleicht kann man auf jene von 2018 noch Einfluss nehmen.»

Was muss dafür getan werden? Was müsste beispielsweise die Stadt tun?

«Sie muss aktiv auf die kantonale Politik einwirken. Unter dem ehemaligen Stadtpräsidenten Bruno Gähwiler fand kaum ein persönlicher Austausch zwischen den Wiler Kantonsräten und dem Stadtrat statt – die Stadt schrieb lediglich Briefe, wenn sie etwas vom Kanton wollte. Mit Susanne Hartmann hat sich das schon verbessert: Die Wiler Kantonsräte treffen sich regelmässig zu Sitzungen, an denen man sich austauscht. Aber das reicht noch nicht. Man muss auch aktives Lobbying betreiben.»

Wann war die letzte Sitzung? Wurde der Zugabbau da thematisiert?

«Die war vor rund einem Monat und nein, über die SBB-Pläne wurde nicht gesprochen. Das ging erneut unter.»

Interview: Timo Züst

 

 

 

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