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veröffentlicht am Mittwoch, 18.06.2014

Artikel St. Galler Tagblatt: Drmic, Shaqiri - wo ist das Problem?


Die Schweizer Nationalmannschaft ist derart international zusammengesetzt wie kaum ein anderes WM-Team. Wie halten es sonst mehrheitlich ausländerkritische Kreise mit dem Jubel für die Nati? Trägt die Nationalmannschaft gar zum Verständnis der Vielfalt der Schweiz bei?

REGULA WEIK

Sie heissen Djourou, Behrami, Shaqiri, Mehmedi, Drmic, Seferovic. Ihre Namen verraten: Ihre Wurzeln sind nicht in der Urschweiz. Unsere Nationalmannschaft ist eingebürgert – die Mehrheit der Spieler hat Migrationshintergrund, so die politisch korrekte Bezeichnung. Doch sie dribbeln und stürmen für Rot-Weiss. Sie haben für die Schweiz – für uns – den Sieg geholt. Wie geht das mit der Einwanderungs- und Asylpolitik der SVP zusammen? Jubeln ihre Mitglieder nur, wenn Lichtsteiner oder Stocker den Ball im Tor versenkt?

Hupend am Corso

«Diese Debatte haben wir jedesmal, wenn die Nati spielt. Ich halte sie für völlig überflüssig», sagt Lukas Reimann, St. Galler SVP-Nationalrat. «Diese Spieler haben sich für die Schweiz entschieden, viele hätten auch in einer andern Nati mitspielen können. Das zeigt ihr Herz für die Schweiz.» Und dann: «Gegen eine gelungene Integration hat niemand etwas.»

«Sie kämpfen für unser Land – und das mit Überzeugung», sagt Michael Götte, Präsident der SVP-Fraktion im St. Galler Kantonsparlament. Einzig das zähle im Sport. Auf Fragen zur Integration und zur Einbürgerung müsse die Politik Antworten finden – und da gingen die Meinungen auseinander.

Mike Egger stürmt für den FC Kantonsrat und als Kantonsrat gegen das Kopftuch in den Schulen. Der Rheintaler schaut sich – trotz Prüfungsstress – die Spiele der Nationalmannschaft an. Und selbstverständlich habe er am Sonntagabend nach dem Sieg «hupend am Auto-Corso» teilgenommen und mit anderen Fans «den Auer Kreisel besetzt». Und die «fremden» Spieler? Kein Thema. «Sie identifizieren sich mit der Schweiz, engagieren sich für unser Land und sind integriert.»

«Fussball ist der Politik voraus»

«Die Zusammensetzung der Nati ist ein Ausdruck der Vielfalt und des Potenzials der realen Schweiz. Der Fussball ist hier für einmal der Politik weit voraus», sagt Paul Rechsteiner, St. Galler SP-Ständerat.

«Die Nati zeigt, dass die Schweiz ohne Migranten nicht die Schweiz wäre, die wir kennen und schätzen, und dass viele – nicht nur fussballerische – Qualitäten unseres Landes ohne Migrantinnen und Migranten schlicht unmöglich wären», sagt Monika Simmler, Präsidentin der St. Galler SP. «Die Schweizerinnen und Schweizer haben mit dem Jubel über die Nati die Chance, die gesellschaftliche Realität zu erkennen: Wir leben in einem multikulturell und multiethnisch gewordenen Land.» Umgekehrt entlarve der Jubel die Doppelmoral vieler Schweizerinnen und Schweizer: «Wir wollen von den Migranten und Secondos profitieren, ermöglichen ihnen aber keine echte Teilhabe und Teilnahme am Staat – über ein modernes Bürgerrecht etwa.» Migrantinnen und Migranten erbrächten für unsere Gesellschaft viele Leistungen – sei es im Verkauf, im öffentlichen Verkehr, in den Spitälern, sagt Barbara Gysi, St. Galler SP-Nationalrätin. Es sei «bedauerlich», dass dies nur im Jubel über die Nati wahrgenommen werde.

«Wenigstens die Lippen bewegen»

Die Spieler der Nationalmannschaft hätten alle den Schweizer Pass erworben – «rechtmässig, wie ich annehme», sagt der St. Galler SVP-Parteipräsident Herbert Huser, «wo ist das Problem?» Mühe habe er dagegen damit, dass die Polizei wegen einiger Fans immer wieder Überzeit leisten müsse, und dieser Aufwand der öffentlichen Hand nicht nach dem Verursacherprinzip in Rechnung gestellt werde.

«Wer seinen Beitrag an die Gesellschaft leistet, ist willkommen», sagt auch der Wiler SVP-Kantonsrat Erwin Böhi. Die Spieler der Nati brächten ihre Leistung, sie hätten ihre Chance genutzt und sich hochgearbeitet – «sie zeigen, dass gegen oben alles offen ist, auch für Ausländerinnen und Ausländer». Nur etwas stört Böhi, «dass nicht alle bei der Landeshymne mitsingen. Warum halten sie den Mund geschlossen? Wenn sie den Text nicht kennen, könnten sie wenigstens die Lippen bewegen.»

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