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veröffentlicht am Freitag, 12.10.2007 22.44 Uhr

St. Galler Tagblatt

Leserbrief: Jugendgewalt - Handeln statt nur erklären


Der  Artikel im Tagblatt letzter Woche zum Thema Jugendgewalt zeigt, wie schwierig es ist, sich einen Überblick zu verschaffen in Bezug auf die tatsächliche Entwicklung in diesem Bereich. Dabei ist auch die Wertung der verfügbaren Daten entscheidend, und die Aussage im Artikel, der Anteil der Jugendlichen bei den ermittelten Tätern im Kanton St. Gallen habe um 1,7 Prozent abgenommen, ist zwar grundsätzlich richtig, aber trotzdem irreführend. Der Vollständigkeit halber müsste auch erwähnt werden, dass 2006 die von Jugendlichen verübten Gewaltdelikte im Vergleich zum Vorjahr wiederum um mehr als einen Drittel zugenommen haben. Eine massive Zunahme der Fälle von Gesichts- und Schädelverletzungen, die nicht von Unfällen herrühren, wird auch bei den Notaufnahmen der Spitäler registriert.

Es ist also nicht übertrieben festzustellen, die Jugendkriminalität sei in den letzten Jahren ausser Kontrolle geraten. Darüber, ob und wie sich das Anzeigeverhalten in den letzten Jahren verändert hat, streiten sich die Experten. Dagegen wird die Dunkelziffer selten erwähnt, denn längst nicht alle Delikte werden angezeigt, und somit erscheinen sie auch nicht in der Kriminalstatistik. Die Angst vor Repressalien seitens der Täter oder die Aussichtslosigkeit, diese zu finden, dürfte vermutlich manches Opfer davon abhalten, Anzeige zu erstatten.

In der ganzen Debatte um die Jugendkriminalität fällt auf, dass vor lauter Ursachenforschung die Suche nach Lösungen unterzugehen droht. Man versucht immer, die Täter zu verstehen und ihre Handlungen zu erklären, was oft darauf herausläuft, die Taten schlussendlich zu verharmlosen oder gar zu entschuldigen. Darauf basiert im Wesentlichen auch das heutige Konzept gegen die Jugendgewalt, das viel von Prävention, aber sehr wenig von Repression hält. Das hat dazu geführt, dass Jugendliche oft eine De-facto-Straflosigkeit geniessen in dem Sinne, als die Sanktionen in einem krassen Missverhältnis zu den eigentlichen Taten stehen können. So etwa musste ein jugendlicher Räuber, der eine betagte Frau überfallen und verletzt hatte, lediglich einige Zeit im Altersheim beim Abwaschen helfen.

Die Entwicklung der letzten Jahre sollte eigentlich allen die Augen geöffnet haben. Sie zeigt, dass es nicht mehr reicht, den Schwerpunkt auf die Prävention zu legen, sondern dass es mehr Repression braucht. Nach Schätzungen von Fachleuten wird etwa die Hälfte aller registrierten Delikte von lediglich 5 Prozent Wiederholungstätern begangen. Ein konsequenteres Vorgehen gegen diese Intensivtäter würde die Problematik bereits merklich entschärfen. Dafür braucht es keine neuen Gesetze, sondern den politischen Willen, die bestehende gesetzliche Handhabe endlich konsequent anzuwenden.

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