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veröffentlicht am Donnerstag, 21.01.2016

Wiler Nachrichten:

Auf WN-Gleisfoto folgt SBB-Anzeige


Diese Nachricht kam für den WN-Redaktor Stefan Feuerstein, Nationalrat Lukas Reimann und Kantonsrat Erwin Böhi völlig unerwartet: Die SBB hatte gegen alle drei eine Anzeige eingereicht. Der Grund war ein Foto im WN-Artikel «Wer nicht bellt, der verliert alles». Darauf stehen die beiden SVP-Politiker auf dem Abstellgleis, während sie vom Redaktor fotografiert werden.
Wil: Die Botschaft des Fotos war klar: Wenn die SBB so weitermachen, landet Wil auf dem Abstellgleis. Geschossen wurde es von WN-Redaktor Stefan Feuerstein für den Artikel «Wer nicht bellt, der verliert alles» in den Wiler Nachrichten vom 3. Dezember. Für das Bild posierten Nationalrat Lukas Reimann und Kantonsrat Erwin Böhi auf dem Abstellgleis (gleich neben Gleis 1) des Wiler Bahnhofs. Im Artikel, einem Doppelinterview mit den beiden Politikern, ging es um den Fahrplanwechsel und die damit verbundenen, negativen Folgen für die Region Wil. Kurz nach der Publikation erreichten die WN-Redaktion einige kritische Stimmen: «Auf das Gleis stehen, darf man das?» In solchen Fällen reichte aber die Erklärung, dass es sich dabei um das Abstellgleis handelte. Anders bei den SBB: Sie reichte Anzeige gegen die beiden Politiker und den Redaktor ein. Denn: «Die Gleise zu betreten ist lebensgefährlich und verboten. Dabei unterscheiden wir nicht, wo das Gleis betreten oder überquert wird.»
Inzwischen haben Lukas Reimann und Erwin Böhi ihre jeweiligen Befragungen auf dem Wiler Polizeiposten bereits hinter sich gebracht. Unser Redaktor wartet noch auf den entsprechenden Anruf. Die SVPler sind sich einig: Diese Anzeige ist politisch motiviert.
Hat Sie diese Anzeige überrascht?
Reimann: Ja, weil es sich um das Abstellgleis handelt. Da kann ein Zug nur aus einer Richtung kommen und auch das passiert sehr selten. Es war einfach ein passendes Bild: Wil landet auf dem Abstellgleis.
Böhi: Ich glaubte zuerst es sei ein Scherz, dass uns die SBB verklagen, weil wir vor einem Prellbock standen.
 
Finden Sie die Reaktion der SBB übertrieben?
Reimann: Ja, total. Vielleicht sollten die SBB in Zukunft nicht mehr Ticketpreise erhöhen, sondern ihre Rechtsabteilung halbieren. Dort hat es anscheinend unterbeschäftigtes Personal. Ausserdem haben ich, die Polizei, die Staatsanwaltschaft und Sie von der Presse Besseres zu tun, als sich mit so etwas herumzuschlagen.
Böhi: Völlig übertrieben. Warum gehen die SBB bei Drogenhändlern und Vandalen, die nachts auf dem Bahnhofsareal herumhängen, nicht mit der gleichen Härte vor?
 
Im Artikel kritisierten Sie die Pläne der SBB. Ist diese Anzeige vielleicht politisch motiviert?
Reimann: Natürlich. Wenn die SBB einen Politiker verklagen, wandert das über den Chef-Tisch. Das ist eine Retourkutsche.
Böhi: Sicher. Man will ein Exempel statuieren und uns Kritiker einschüchtern.
 
Schaden sich die SBB damit nicht eher selber? Schliesslich liefern sie Ihnen wieder neue Argumente ...
Reimann: Ich glaube nicht, dass das eine vernünftige Vorgehensweise ist. Allerdings passt es leider etwas in die aktuelle Situation bei den SBB. Insgesamt fehlt etwas die Vernunft. Sei es bei den Löhnen in der Chefetage oder den Ticketpreisen.
Böhi: Genau, aber das ist die typische Reaktion eines arroganten und mächtigen Monopolbetriebs.
 
Wird diese Anzeige Sie dazu bringen, mit Kritik an der SBB etwas vorsichtiger zu sein?
Reimann: Im Gegenteil. In Zukunft werde ich bei den SBB noch genauer hinschauen. Zum Beispiel bei der Rechtsabteilung.
Böhi: Auf keinen Fall, diese Episode bestärkt mich sogar, weiter zu machen.
 
Ihr Fazit?
Reimann: Die Geschichte ist ein völliger Verhältnisblödsinn. Eigentlich bin ich für nichts auf den Polizeiposten gegangen. Man hätte auch einfach kurz telefonieren können, statt uns gleich anzuzeigen.
Böhi: Dass die SBB mit so einer Bagatelle ihren Rechtsdienst, die Polizei und die Staatsanwaltschaft beschäftigen, ist schlicht und einfach lachhaft.
Timo Züst

 

 

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