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veröffentlicht am Samstag, 05.05.2018

St.Galler Tagblatt: Abstimmung zum Medical Master in St.Gallen: Ärztemangel eint die Parteien


Künftig sollen Ärzte auch in St.Gallen studieren können. Der neue Masterstudiengang ist aufgegleist. Zu Fall bringen kann ihn nur

noch das Volk –nächsten Monat an der Urne.

REGULA WEIK

Vertreter von sechs Parteien sitzen am Tisch. Das gibt es öfters. Und sie sind einer Meinung. Das gibt

es selten bis gar nie. Geschafft hat es der Ärztemangel. Der Kanton St. Gallen ist davor nicht gefeit.

Über 42 Prozent der hier tätigen Ärztinnen und Ärzte haben ein ausländisches Diplom – damit belegt

St. Gallen im Vergleich mit den anderen Kantonen einen Spitzenrang. Die Rekrutierung von Ärzten aus

dem Ausland ist allerdings schwieriger geworden; die Nachbarländer haben die Arbeitsbedingungen

und Einkommen für Ärzte verbessert.

Die Sorge um die medizinische Versorgung im Kanton treibt sie alle um – Grüne, Grünliberale, EVP,

SP, CVP, FDP und SVP. Auch die Regierung. Sie hat in den vergangenen Jahren eine eigentliche

Ausbildungsoffensive fu?r Mediziner lanciert. Es hat sich gelohnt. Die St. Galler waren parat, als der

Bund Geld für neue Studienplätze in Humanmedizin locker machte. So fliessen nun 7,7 Millionen

Franken aus Bern in die Ostschweiz. In der St. Galler Staatskasse verbleiben effektiv 4,6 Millionen;

zwei Fünftel des Betrags muss der Kanton der Universität Zürich für die Ausbildung der Studenten bis

zum Bachelor rückvergüten. Die sperrige Bezeichnung des neuen Studienangebots, Joint Medical

Master, verrät es: Der St. Galler Masterstudiengang in Medizin wird als gemeinsamer Abschluss der

Universitäten St. Gallen und Zürich angeboten.

17 Millionen Franken kostet die Aufbauphase des Studiengangs 2020 bis 2023. Ab 2024 soll der

Betrieb 2,1 Millionen pro Jahr kosten. FDP-Präsident Raphael Frei sprach gestern vor den Medien von

«angemessenen Kosten». Auch die heutige Lösung sei nicht gratis; St. Gallen überweise gut 50000

Franken pro Masterstudenten an andere Kantone. Der Zusatzaufwand halte sich «in Grenzen», sagte

auch SP-Präsident Max Lemmenmeier, da «grösstenteils auf vorhandene Strukturen» zurückgegriffen

werden könne. Er sprach von «einer wegweisenden und intelligenten Lösung»; es würden

«eingespielte Strukturen und bestehendes Wissen» kombiniert.

Eigene Ärzte tun dringend not

Ohne eigenes Studium in der Ostschweiz sei es schwierig, das Potenzial an Medizinstudierenden

auszuschöpfen. «Diese Hürde gilt es zu reduzieren», sagte SVP-Kantonsrat Erwin Böhi. Die Nachfrage

nach den St. Galler Studienplätzen scheint ihm recht zu geben; sie sind begehrt. Über 80

Maturandinnen und Maturanden haben sich dafür angemeldet; 40 Plätze stehen zur Verfügung. Wie

gross das Gerangel dann tatsächlich sein wird, zeigt sich 2020. Dannzumal wechseln die ersten

«eigenen» St. Galler Ärztinnen und Ärzte für das Masterstudium in die Ostschweiz; im Herbst 2017

haben sie in Zürich das Bachelorstudium aufgenommen, 2023 schliessen sie die Ausbildung in St.

Gallen ab – und bleiben danach, so die Hoffnung, in der Region.

Das täte dringend not. Die Hälfte der Hausärzte im Kanton ist heute über 55-jährig, und längst nicht

jeder Hausarzt, der ins Pensionsalter kommt oder bereits pensioniert ist, findet eine Nachfolgerin oder

einen Nachfolger für seine Praxis. Und auch nicht jeder hat Lust, bis 70 zu arbeiten. «Die medizinische

Grundversorgung im Bereich der Hausärztinnen und Hausärzte ist akut bedroht», sagte CVP-Präsident

Patrick Dürr. «Dem wollen wir entgegenwirken – mit eigenem Nachwuchs.»

Lücke im Bildungsangebot schliessen

Die Vertreter der sechs Parteien sind sich einig: Mit der eigenen Ärzteausbildung wird «eine Lücke im

Ostschweizer Bildungsangebot» geschlossen. Der neue Studiengang werte die Ostschweiz, den Kanton

St. Gallen, das Kantonsspital als «medizinisches Ausbildungs- und Forschungszentrum» auf. Das St.

Galler Kantonsparlament hat dem neuen Ausbildungsgang im November zugestimmt. Am 10. Juni hat

das Stimmvolk das letzte Wort.

 

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