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veröffentlicht am Sonntag, 05.04.2020

Die Ostschweiz: Seniorinnen und Senioren werden zur Risikogruppe degradiert


Für den Wiler SVP-Kantonsrat und Stadtparlamentarier Erwin Böhi wird durch die aktuelle Pandemie eine diskriminierende Haltung gegenüber der älteren Generation offenkundig, auch seitens der Behörden. Dagegen will er aktiv werden.

Adrian Zeller

 

Erwin Böhi, seit dem Ausbruch der Coronakrise in der Schweiz sind speziell von jüngeren Menschen unzählige Hilfsangebote für Menschen über 65 bekannt gemacht worden. Gleichzeitig stellen Sie ein abwertendes und ausgrenzendes Verhalten gegenüber Senioren fest, was konkret haben Sie wahrgenommen?

Erfreulich ist, dass es in der Bevölkerung eine eigentliche Solidaritätswelle gegenüber den Seniorinnen und Senioren gibt und zwar von allen Altersgruppen. Auf der anderen Seite stelle ich aber auch fest, dass die Behörden manchmal gegenüber den Älteren einen Ton anwenden, der oft herablassend und belehrend ist, als ob sie den Ernst der Lage nicht verstanden hätten. Aufgrund der Rückmeldungen die ich aus der Bevölkerung bekomme bin ich überzeugt, dass dieses Vorgehen von Vielen als respektlos empfunden wird und schlussendlich kontraproduktiv ist.

Worin liegen Ihrer Meinung nach die Gründe für diese Altersdiskriminierung?

Die Diskriminierung ist sozusagen eine Nebenwirkung der Sorge um die Gesundheit der älteren Generation. Diese Sorge ist ja eigentlich lobenswert denn es ist klar, dass die Anfälligkeit für Krankheiten mit zunehmendem Alter steigt. Die Altersgrenze bei 65 Jahren anzusetzen ist aber willkürlich und hat mehr sozialpolitische als gesundheitspolitische Gründe. Interessant ist auch, dass in den anderen Ländern zwar auch der Schutz der älteren Generationen im Vordergrund steht, aber keine strikte Altersgrenze definiert wird, so wie in der Schweiz. Man weist dort hauptsächlich darauf hin, dass ältere Personen mit Vorerkrankungen am meisten gefährdet sind. Das zeigen ja mittlerweile auch die Statistiken zu den Todesfällen.

Ist diese wenig respektvolle Haltung gegenüber Senioren Ihrer Meinung nach eine bereits vorher vorhandene Einstellung in Teilen der Gesellschaft, die unter dem Einfluss der Coronakrise deutlicher zutage tritt?

Ja sicher, wobei ich nicht verallgemeinern will, denn es handelt sich dabei um die Haltung eines Teils der Leute. Die Behörden haben aber diese Haltung gefördert. So bezeichnen sie im Zusammenhang mit der Coronakrise die Älteren als «Risikogruppe». Das ist ein unglücklicher Begriff, denn das tönt so, als sei diese Gruppe ein Risiko für die Jüngeren, dabei ist es im Grunde genommen genau umgekehrt.

Sie sind selber im AHV-Alter, wie sehr fühlen Sie sich von diesem mangelnden Respekt gegenüber Seniorinnen und Senioren selber ausgegrenzt?

Persönlich habe ich keine negativen Erfahrungen gemacht, aber ich werde in letzter Zeit öfters von Personen darauf angesprochen, die so etwas erlebt haben. Wenn ich jedoch im Tessin wohnen würde, wäre es mir verboten, einen Lebensmittelladen zu betreten, obwohl ich kerngesund bin, noch nie ernsthaft krank war und die im Moment geltenden Verhaltensanweisungen des Bundesrates befolge. Das ist eine eindeutige Diskriminierung, die mittlerweile zwar vom Bundesrat als unzulässig bezeichnet wurde, aber im Tessin trotzdem weiterhin gilt. Ich glaube nicht, dass die Tessiner Seniorinnen und Senioren uneinsichtiger sind als in anderen Teilen der Schweiz, sondern dass die Tessiner Regierung meinte, eine in ihren Augen einfache Lösung gefunden zu haben. Das führt aber dazu, dass die Ausgrenzung der Älteren gewissermassen offiziell geworden ist und negative Nachwirkungen hat, die viel länger dauern werden als die Coronakrise selbst.

Sie wollen diese Situation nicht hinnehmen, was gedenken Sie zu unternehmen?

Ich finde, man sollte der älteren Generation mehr Gelegenheit bieten, sich in die gesellschaftliche Diskussion einzubringen. Damit meine ich weniger die politische Ebene, denn in den Parlamenten sind alle Generationen vertreten. Es geht mir mehr darum, ausserhalb der klassischen Parteipolitik ein Gefäss zu schaffen, das den Älteren eine öffentliche Stimme gibt. Ich werde mich im Detail dazu äussern, sobald wir wieder in der Normalität leben können.

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